Monatsspruch Mai 2012

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. (1. Tim. 4,4)

Dass Gott alles von ihm Geschaffene für gut erklärt hat, kann man bereits auf den ersten Seiten der Bibel lesen. Mit keinem Wort wird dort berichtet, es gebe etwas in der gesamten Schöpfung, von dem Gott bei der Erschaffung gesagt hätte: „Damit will ich aber nichts zu tun haben. Davon distanziere ich mich von vornherein.“ Dennoch hat es offenbar im Umkreis der frühen christlichen Gemeinden Menschen gegeben, die genau dieser Ansicht waren. Die sich sogar zu der Meinung verstiegen, die ganze Schöpfung sei bereits als solche ein widergöttliches Gebilde. Darum wollten sie die Ehe verbieten. Darum ordneten sie den Verzicht der meisten Speisen an. Darum standen sie allem Geschöpflichen feindlich gegenüber. Alle Freude an dieser Welt, aller Genuss und alle Lust am Irdischen waren ihnen ein Dorn im Auge. Ihr Bestreben war es, solche materiellen Bindungen durch strenge Enthaltsamkeit zu überwinden.

Oh weh: Was für ein bedauernswertes Leben! Was für eine furchtbare Irrlehre! Um Missverständnissen vorzubeugen: Nichts gegen freiwillige Enthaltsamkeit. Die kann in unseren Breiten – vor allem was die Nahrungsaufnahme angeht – gelegentlich durchaus gesund und dem Willen Gottes gemäß sein. Aber wer behauptet, dass die Ehe oder ein Nahrungsmittel oder sonst ein irdisches Gut allein deshalb die Nähe zu Gott verhindert, weil es sich dabei um ein Stück Schöpfung handelt, der irrt gewaltig. Das Gegenteil ist der Fall. Indem Gott der Schöpfer in seinem Sohn Jesus Christus zur Welt gekommen ist, hat er seiner Schöpfung die Treue gehalten. Damit hat er unübersehbar gezeigt, dass es nicht seinem Willen entspricht, die Welt in irgendeiner Weise, und sei es auf eine vermeintlich fromme Weise, schlecht zu machen.

Wir müssen unsere Freude an dieser Welt nicht verstecken. Und wir sollen die Gaben der Güte des Schöpfers auch genießen. Daher beten wir vor einer Mahlzeit. Das Tischgebet ist eine besonders schöne Weise, die Gaben der Schöpfung jeden Tag dankbar als etwas entgegen zu nehmen, was in die Gemeinschaft mit Gott hineingehört. Wer im Zusammenhang einer Mahlzeit betet, der lobt Gott als den Schöpfer. Das Tischgebet bringt zum Ausdruck, dass wir Menschen Empfangende sind und uns unser Leben nicht selbst beschaffen und erhalten können. Das Tischgebet ist eine elementare Weise, immer wieder die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf deutlich werden zu lassen. Wo aber ein Mensch die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf dankbar bekennt, da wird Gott geehrt. Und darum ist nichts verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Denn auf diese Weise werden die Dinge dieser Welt nach dem Willen ihres Schöpfers bewusst empfangen, behutsam gebraucht und – ja, auch nach Herzenslust genossen.

Volker Spangenberg

Prof. Dr. Volker Spangenberg ist Rektor und Professor für Praktische Theologie am Theologischen Seminar Elstal (FH)

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