Monatsspruch November 2012

Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes.
2. Korintherbrief 6,16

Dieser kurze Satz findet sich in einem Abschnitt des 2. Korintherbriefes (2Kor), in dem der Apostel Paulus wohlwollende und werbende Worte an die Gemeinde in Korinth richtet. Diese Beobachtung hilft bei der Einordnung des Monatsverses, denn im 2Kor finden sich auch ganz andere Töne, welche die Spannungen spiegeln, die zwischen Paulus und der Gemeinde entstanden sind. Ja – auch im Abschnitt 2Kor 6,11-7,4 finden sich Worte der Warnung, allerdings Warnungen, in denen nicht gleich Vorwürfe mitschwingen oder konkretes Fehlverhalten thematisiert wird. Und dieser ganze Abschnitt findet seinen Höhepunkt in diesen sieben Worten.

Dieser Satz beschreibt einen IST-Zustand. Wir sind der Tempel. Es heißt nicht, „wir sind gewesen“ oder „wir müssen erst wieder werden“. Wir sind es. In der griechischen Sprache ist damit auch nicht nur der konkrete Augenblick, die aktuelle Situation gemeint. Paulus verstand diese Aussage als eine anhaltende Realität und Qualität, ohne etwas über ihren Beginn oder ihr Ende auszusagen. Hier zeigt sich große Demut, die Paulus der Gemeinde entgegenbringt. Trotz aller Auseinandersetzungen um persönliche Aspekte und theologische Positionen ist die Gemeinde in Korinth unbestritten Tempel des lebendigen Gottes. Das steht für Paulus überhaupt nicht in Frage, vielmehr schließt er sich durch das „Wir“ in die Gemeinschaft der Gemeinde mit ein.

Hier mag die Frage aufkommen, wie denn eine Gemeinde den Status „Tempel des lebendigen Gottes“ erhält und wovon er abhängt, wenn er zumindest durch Konflikte untereinander und verschiedene theologische Streitpositionen nicht in Frage gestellt ist. Paulus selbst beantwortet diese Frage in der zweiten Hälfte des 16. Verses: „denn Gott hat gesprochen: Ich will unter ihnen wohnen und mit ihnen gehen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.“ Tempel des lebendigen Gottes ist die Gemeinde also allein aufgrund der Entscheidung Gottes, in ihr zu wohnen und mit ihr zu gehen. Sie könnte daher auch nur allein aufgrund der Entscheidung des lebendigen Gottes aufhören, Tempel zu sein und nicht aufgrund menschlichen verfehlenden Handelns. Wenn die Gemeinde nicht über Gewähr oder Entzug dieses Status entscheidet, kann sie sich auch nicht aus eigenen Kräften zum Tempel des lebendigen Gottes machen.

Spätestens dann, wenn Gemeinden immer kleiner werden und immer weniger selber machen können, wenn es kein prachtvolles Gemeindehaus und kein bis zum Bersten gefüllten Gemeindesaal mehr gibt, wenn der Glanz der eigenen Möglichkeiten verblasst und die vielen jungen, engagierten und begabten Mitarbeiter Vergangenheit sind, kommt wieder ganz neu in den Blick, dass die Herrlichkeit und Pracht des Tempels des lebendigen Gottes allein darin besteht, dass Gott in diesem Tempel wohnt. Und das ist zugleich die größte missionarische Möglichkeit, die Gemeinden haben: dass die Gemeinschaft der Gemeinde ein Ort ist für die Begegnung mit dem lebendigen Gott.

Christian Wehde

Christian Wehde ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neues Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

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