Monatsspruch Oktober 2012

Der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
(Klgl 3,25)

Wo Freundlichkeit begegnet, dort ist Raum zum Leben. Freundlichkeit, die mir begegnet, macht Dinge leicht. Wenn ich angelächelt werde, dann verliere ich die Verbissenheit, mit der ich vielleicht an Arbeiten herangehe. Freundlichkeit schafft eine Atmosphäre, in der selbst Fehler ihre Schrecken verlieren. Denn Freundlichkeit fragt nicht nach dem Versagen, sondern hilft aus der entstandenen misslichen Lage heraus. Die Heilige Schrift gibt nun diese Verheißung, dass Gott dem Menschen mit solcher Freundlichkeit begegnen möchte. Gott lässt es dem Menschen gut ergehen. So wie er die Schöpfung gut gemacht hat, auf das in ihr Leben und Fülle, Fruchtbarkeit und Gelingen möglich und gegenwärtig sind. Auch wir sollen diese Fülle, dieses Gelingen, diese Güte erfahren – eben die Freundlichkeit Gottes.

Aber der Vers scheint auf den ersten Blick diese Erfahrung an eine Bedingung gebunden zu haben: auf Gott zu harren und nach ihm zu fragen. Muss man sich die Freundlichkeit also verdienen? Gewährung der Freundlichkeit erst nach Vorleistung, nach Prüfung? Aber was wäre das für eine Freundlichkeit, was für eine Güte, ja was für eine Liebe, die man sich verdienen kann? Kalt wäre sie, distanziert, des leidenschaftlichen Gottes, der sich in der Heilige Schrift bezeugt, nicht würdig. So etwas erinnert mich an den strengen Lehrer, der huldvoll freundlich lächelt wenn ich eine Aufgabe an der Tafel richtig gerechnet habe. Bei solcher „Freundlichkeit“ fröstelt es mich.

Unser Gotteswort ruft jedoch etwas ganz anderes auf. Keine Vorleistung ist gefragt, sondern eine Haltung: Offenheit für die Nähe Gottes. Beziehung statt Leistung, darum geht es. Harren und nach Gott fragen – dies sind keine menschlichen „Leistungen“, die man „tun“ könnte. Es ist die Beschreibung einer Lebenshaltung, die die Nähe Gottes in den Widerfahrnissen des Lebens erwartet. Eben diese Erwartung wird nicht enttäuscht werden. Dies ist die Verheißung des Verses. Wo mir aber Gott nahe ist, dort begegnet mir der, der Raum zum Leben schafft, der Füße auf weite Ebenen stellt, der Versagen vergibt, der Schwäche in Möglichkeiten verwandelt – der sich freundlich zuwendet.

In diese Haltung des Harrens auf Gott und des Fragens nach ihm kann ich mehr und mehr hineinkommen. In der Stille des Gebets werden die Ohren geöffnet, um die ruhige und sanfte Stimme Gottes zu hören. Im Schauen besonders auf Jesus kann erfahren werden, wie er uns ansieht. Und so, von ihm angeschaut, von ihm angesprochen werde ich in seiner Nähe die Freundlichkeit erfahren, die auch mich leben lässt. Seine Nähe suche ich, damit er tun kann, was er eigentlich will: mich freundlich in seine Arme zu nehmen (Lk 15,20b).

André Heinze

Prof. Dr. André Heinze ist Professor für Neues Testament und Prorektor am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

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